Freitag, 17. April 2020

Corona - Ausgerechnet die Griechen machen das vorbildlich!

Griechenland scheint durch Corona eine Neugeburt zu erfahren. Plötzlich gilt vieles von dem, was Griechenland früher ‚ausgezeichnet‘ hat im negativen Sinn (inkompetente Politiker, permanenter Streit, inkompetente Verwaltung, etc.) nicht mehr. Die politische Führung unter Premier Minister Kyriakos Mitsotakis ist plötzlich vorbildlich. Das Corona-Problem wurde sehr frühzeitig als ernstes Problem erkannt und man hat nicht lange herumlaviert. Konsequente, rationale Maßnahmen (d. h. Maßnahmen basierend auf Fakten) wurden eingeführt und konsequent umgesetzt (früher und konsequenter als in Österreich). Man stelle sich vor: kein Ausgang ohne eine vorherige SMS an eine behördliche Stelle! Die Einhaltung der Maßnahmen wird von der Exekutive streng geprüft: in den ersten 3 Wochen der Maßnahmen summierten sich Strafen wegen Nichteinhaltung auf 4,2 Millionen Euro.

Die Improvisationsfähigkeit und Kreativität der Griechen haben jetzt ein Heimspiel. Griechenland wird beispielsweise derzeit radikal digitalisiert. Zustellservice via Internet für alle möglichen Produkte, nicht nur Lebensmittel, gab es in größeren Städten schon seit längerem. Dieses System wird derzeit rasant ausgebaut, ist bereits eine Selbstverständlichkeit und funktioniert ausgezeichnet (Zustellung gleichtägig, wohlgemerkt!).

Verrückte Ideen wurden sofort gestoppt. Sogar gegenüber der Kirche hat die Regierung Rückgrat gezeigt und sich auch durchgesetzt. In der Vergangenheit hat es eine Regierung nie gewagt, gegen die Kirche Position zu beziehen. Jetzt hatte die Kirche zunächst darauf bestanden, weiterhin Gottesdienste abzuhalten, noch dazu mit der Kommunion. Es hat nicht lange gedauert, bis die Kirche einen Rückzieher machte. Respekt! Das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können.

Das Gesundheitssystem ist meines Wissen voll funktionsfähig. Man hört nichts über große Dramen. Allerdings sind die griechischen Corona-Ziffern wirklich sehr niedrig. eine direkte Konsequenz der konsequenten Politik. Aktueller Stand: 1.755 Infizierungen mit 79 Todesfällen (zum Vergleich das kleinere Österreich: 12.519 Infizierungen mit 243 Todesfällen).

Die Auswirkungen auf die Wirtschaft werden brutal sein, weil Griechenland so stark vom Dienstleistungssektor, vor allem vom Fremdenverkehr, abhängig ist. Aber im Gegensatz zu früher wird sich Griechenland diesmal in guter Gesellschaft befinden. Die derzeitigen Corona-Maßnahmen bewegen sich – wie in Österreich – bei ca. 10% der wirtschaftlichen Jahresleistung.

Es gibt ein Risiko, an das man gar nicht denken möchte, denn sollte es schlagend werden, dann wird die Hölle los sein, nicht nur in Griechenland, sondern auch in der EU. Bisher hat sich Corona in den Flüchtlingslagern noch nicht wirklich breit gemacht. Beim Zustand dieser Lager ist das ein reines Wunder. Sollte es da in einem Lager von 20.000+ Flüchtlingen zu einem größeren Ausbruch kommen, dann habe ich nicht die geringste Ahnung, wie man der Sache Herr werden könnte. Da schlummert möglicherweise eine Zeitbombe.

Anfang März setzte die Regierung das Asylrecht wegen Gefahr in Verzug außer Kraft. Man versprach, dass dies nur eine vorübergehende Maßnahme für 1 Monat sein würde. Prompt wurde Griechenland von vielen Medien und Politikern verurteilt. Fast so schlimm wie Ungarn, meinte man. Dieser Monat lief Anfang April aus – und ohne viel Gedöns hat man auch den obigen Eingriff auslaufen lassen.

Noch einmal: Griechenland agiert derzeit nicht nur wie ein ’normales Land’ (im Gegensatz zu früher), sondern auch vorbildlich in allen Bereichen. Und mit Erfolg, wie man an den Ziffern sieht. Wenn man mit den Griechen, vor allem in der Politik, einigermaßen vertraut ist, kann man nur staunen, dass jetzt nicht gestritten wird. Im Gegenteil, es wird konstruktiv zusammengearbeitet. Selbst Alexis Tsipras klingt versöhnlich!

Vor ein paar Tagen wurde Premier Minister Mitsotakis auf CNN 15 Minuten lang von Christiane Amanpour interviewt. Von Mitsotakis’ Performance könnte sich selbst unser Super-Bundeskanzler noch etwas abschauen.

Originalveröffentlichung hier.

Dienstag, 19. November 2019

CASAG: Was faul ist im Staate Österreich

Bei der Welser Messe 1980 prägte der damalige Bundespräsident Kirchschläger den Ausdruck der “Sümpfe und sauren Wiesen”. Die Eliten Österreichs gaben sich schockiert, aber einsichtig und gelobten Besserung. Im Jahr 1997 beging der damalige Vorstandsvorsitzende der Kontrollbank, Gerhard Praschalk, Selbstmord. Die Medien berichteten von einer problematischen Persönlichkeitsstruktur, die eine Kränkung nicht überwinden konnte. Die Kränkung bestand darin, dass Praschalk seinen Job an den scheidenden Minister Scholten abtreten sollte (allerdings im Tausch gegen einen anderen hoch dotierten Job). Vor seinem Selbstmord verfaßte Praschalk eine 120-seitige Dokumentation über Postenschacher, politischen Druck und andere unappetitliche Dinge im “System Österreich”. U. a. habe ihn der scheidende Minister Scholten zur Einsicht gedrängt und ihn ermahnt, er sollte doch realistisch werden. Zitat von Scholten (laut Praschalk): “Anderswo mag Können über Karriere entscheiden. In Österreich ist es politischer Druck!”

Im gleichen Jahr startete die EU-Kommission eine Untersuchung des sogenannten Lombard Clubs. Der Lombard Club bezog sich auf ein monatliches Treffen führender Banker Österreichs im Hotel Bristol, eine Usance, die auf die 1950er Jahre zurückging und die der Öffentlichkeit wohl bekannt war. Nach ‘Sitzungen’ des Lombard Clubs berichteten die Zeitungen in der Regel “…bei der gestrigen Sitzung des Lombard Clubs wurde beschlossen…”. Die EU-Kommission urteilte 2002, dass der Lombard Club ein Zinskartell war und verfügte Strafen in Höhe von (damals) 125 Mio. EUR. Österreich gab sich geschockt, dass so etwas Unrechtliches wie der Lombard Club in Österreich existieren konnte.

Postenschacher verbunden mit Gegenleistungen und sonstige Unsittlichkeiten waren/sind allgemeiner Bestandteil der politischen (Un-)kultur der 2. Republik. Jetzt so zu tun, als wäre der CASAG Fall ein in der 2. Republik einzigartiger Skandal ist eine Scheinheiligkeit größten Ausmaßes. Das Gegenteil trifft zu: der CASAG Fall ist ein klassisches Beispiel davon, was faul ist im Staate Österreich.

Ich glaube, dass die Medien einen großen Beitrag leisten könnten, wenn sie die jetzigen Skandale in die richtige Perspektive bringen würden. Niemandem ist geholfen, wenn aus Bekehrten Fanatiker werden. Die richtige Perspektive wäre aus meiner Sicht, die Öffentlichkeit aufzuklären, dass sich über die Jahre hinweg in Österreich Sümpfe und saure Wiesen entwickelt haben. Dass sogar ein Bundespräsident einmal darauf hingewiesen hat, allerdings ohne Erfolg. Und dass der jetzige Skandal eine Art ‚good news – bad news‘ ist. Die schlechte Nachricht ist, dass da offenbar wirklich ein handfester Skandal passiert ist (mit möglichen strafrechtlichen Vergehen). Die gute Nachricht ist, dass man diesen Skandal vielleicht doch jetzt zum Anlass nehmen wird, die Sümpfe und sauren Wiesen auszutrocknen mit der ehrlichen Erkenntnis, dass in der Vergangenheit fast alle gemeinsam durch die Sümpfe und sauren Wiesen gewandert sind.

Originalveröffentlichung hier.

Sonntag, 5. Mai 2019

Armin Wolf Hat Sich Selbst Pragmatisiert

Am 24. April kam es während eines Interviews, das Armin Wolf in der ZIB2 mit dem Generalsekretär der FPÖ (und Spitzenkandidaten für die EU-Wahl am 26. Mai) Harald Vilimsky führte, zu einem Eklat. Wolf überraschte Vilimsky mit einem Bildervergleich: einerseits ein rassistisch motiviertes Bild aus einem Flyer einer FPÖ Jugendorganisation, andererseits ein rassistisches Bild aus der ehemaligen Nazi-Zeitschrift "Stürmer". Vilimsky reagierte auf diesen Vergleich mit folgendem, folgenschwerem Satz: "Indem Sie hier vom 'Stürmer' ein Bild nehmen, das gegenüber einem Jugendplakat gegenüber stellen und den Eindruck erwecken, dass wir in der Nähe des Nationalsozialismus wären … ist etwas, das nicht ohne Folgen bleiben kann.

Dass der erste Teil dieses Satzes durchaus seine Berechtigung hat, wurde überschattet vom zweiten Teil: die 'Folgen', die Vilimsky anspricht, können nur dahingehend interpretiert werden, dass es sich um einen politischen Aufruf handelt, einen kritischen Journalisten aus dem ORF zu entfernen. Es steht außer Frage, dass eine solche Konsequenz den Tatbestand der Einschränkung der Pressefreiheit erfüllen würde.

Selten hat ein TV-Interview ein so enormes nationales  und - vor allem! - internationales Echo hervorgerufen wie dieses. Wolf hat das internationale Medienecho in einem Blogpost zusammengefaßt.

Aus der Ecke der üblichen Verdächtigen häuften sich Aufrufe, Wolf aus dem ORF zu entfernen, d. h. seinen Dienstvertrag aufzulösen. Selbst der Vorsitzende des ORF-Stiftungsrates (und ehemaliger FPÖ-Chef) Norbert Steger ließ sich in einem Interview zu der Äußerung hinreißen, dass - wenn er Herr Wolf wäre - "ich ein Sabbatical nehmen, auf Gebührenzahler-Kosten durch die Welt fahren und mich neu erfinden würde."

Zweifelsfreies Ergebnis dieser erzeugten Aufregung ist, dass als direkte Konsequenz derselben Wolf's Arbeitsplatz auf Dauer abgesichert ist bzw. dass sich Wolf mit Provokationen obiger Art de fakto selbst pragmatisiert hat. Jegliche Einschränkung seiner Freiheiten (von einer 'Entfernung' aus dem ORF ganz zu schweigen) würde national und international als Anfang vom Ende der Pressefreiheit in Österreich interpretiert werden. Diesem Vorwurf wird sich die österreichische Bundesregierung sicherlich - und zu Recht - nicht aussetzen.

Sollte Wolf aus dem ORF entfernt werden? Mit Sicherheit nicht! Wolf ist ein hervorragender Journalist, der sich auf seine Auftritte minutiös und mit großer Recherche vorbereitet und der Interviews mit großem Geschick führt. Ganz abgesehen davon, dass Wolf sicherlich auch für gute Quoten seines Programms sorgt. Eine Entfernung von Wolf wäre in der Tat ein Verlust für den ORF und auch für seine Zuseher. In einem 'normalen' Unternehmen würde allerdings die Geschäftsführung ein sogenanntes 'Mitarbeitergespräch' mit Wolf führen.

Ein solches Mitarbeitergespräch müßte darauf abzielen, Wolf Rückmeldung zu geben, wie er von vielen wahrgenommen wird. Bei Wolf kann rasch der Eindruck entstehen, dass es ihm bei Interviews nicht primär um seinen Gesprächspartner geht, sondern um sich selbst (vor allem dann, wenn er den Gesprächspartner aufs Glatteis führen will). Es kann sogar der Eindruck entstehen, dass es ihm bei gewissen Gesprächspartnern in erster Linie darum geht, sie aufs Glatteis zu führen (Vlimsky wäre ein passendes Beispiel; Putin auch). Wolf scheut vor Provokationen nicht zurück, wohl wissend, dass Provokationen auch polarisieren. Auf diese Weise kommt es vor, dass ein Journalist zum Superstar hochgehievt wird (Wolf wurde vielerorts bereits 'Superstar des ORF' genannt). Die wenigsten sind gegenüber Superstars neutral: Superstars werden in der Regel entweder bewundert oder kritisiert (bzw. beneidet), nicht nur vom Publikum im allgemeinen, sondern oft auch in den eigenen Reihen. Es wäre durchaus vorstellbar, dass Wolf's Verhalten nicht unbedingt in allen Bereichen des ORF auf Zustimmung stößt, dass es möglicherweise sogar intern spaltet.

Man könnte Wolf empfehlen, sich mit seiner Kollegin Lou Lorenz-Dittlbacher zu vergleichen. Lorenz-Dittlbacher steht Wolf als Journalistin und Interviewerin um nichts nach. Auch sie bereitet sich minutiös und mit großer Recherche vor und ihre Fragestellung bei Interviews ist hervorragend. Wo liegt der Unterschied? Bei Lorenz-Dittlbacher wird nachher nicht über sie diskutiert, sondern über Ihre Gesprächspartner.

Manche werfen Wolf vor, dass er eitel ist. Dieser Vorwurf geht ins Leere bzw. ist ein Widerspruch in sich selbst. Ein gewisses Ausmaß an Eitelkeit ist Voraussetzung für den Erfolg in einer Rolle wie jener von Wolf. Mag sein, dass Wolf etwas zu eitel ist, aber auch dies könnte man in einem Mitarbeitergespräch entspannt ausdiskutieren.

Für private Medienunternehmen mag es sicherlich erfolgversprechend sein, einzelne Programme zu personifizieren. CNN hat z. B. Shows, die nach Personen benannt sind: "Amanpour" (nach Christiane Amanpour), "Quest mean business" (nach Richard Quest), "Anderson Cooper 360" (nach Anderson Cooper), etc. Dieser Logik folgend könnte man den Namen der ZIB2 beispielsweise auf "Nachrichten mit Armin Wolf" umändern. Das würde Wolf's selbst-zentriertem Auftritt entsprechen.

Die Frage ist, ob ein öffentlich rechtlicher Rundfunk wie der ORF eine Erscheinungsbild wie private Medienunternehmen aufbauen sollte. Wahrscheinlich würde es besser zum ORF passen, immer die Sache in den Mittelpunkt zu stellen und weniger die Person. 

Montag, 18. Juni 2018

Das Größte Pyramidenspiel Aller Zeiten

Was ist dran an den Vorwürfen des US Präsidenten, dass sich der Rest der Welt seit Jahrzehnten an den USA bereichert hat?

Nach dem 2. Weltkrieg waren die USA viele Jahre lang das größte Herstellerland der Welt; nirgendwo sonst wurde soviel produziert wie in den USA. Infolgedessen verbuchten die USA bis Anfang der 1970er Jahre (mit nur ganz wenigen Unterbrechungen) jährliche Leistungsbilanzüberschüsse, d. h. die US Volkswirtschaft hatte außerhalb ihrer Grenzen mehr Einnahmen als Ausgaben. Es wurden Nettoauslandsvermögen aufgebaut, die 1981 ihren Höchststand von knapp 150 Mrd.USD (Zeitwert) erreichten. Während dieser Zeit waren die USA als Volkswirtschaft der größte Kreditgeber der Welt.

Anfang der 1970er Jahre drehte sich das Bild (Vietnam Krieg, Ölpreisschock, Gold-Dollar Entkoppelung) und die USA begannen, außerhalb ihrer Grenzen mehr Geld auszugeben, als sie dort Einnahmen hatten. Von 1971-2017 summierten sich die jährlichen US Leistungsbilanzdefizite in Zeitwerten auf 11.600 Mrd.USD (= 11,6 Billionen USD!) mit steigender Tendenz: in den letzten 3 Jahren lag der Jahresdurchschnitt des Leistungsbilanzdefizits bei 520 Mrd.USD! Das Nettoauslandsvermögen wurde verbraucht und heute sind die USA mit Nettoauslandsschulden von 8 Billionen USD das größte Schuldnerland der Welt.

Leistungsbilanzergebnisse und Nettoauslandsvermögen sind weltweit Nullsummenspiele: die Überschüsse/Defizite eines Landes haben idente Gegenpositionen im Rest der Welt. Relativ zum Rest der Welt sind also die USA seit 1971 um mehr als 8 Billionen USD (Zeitwerte) ärmer geworden bzw. der Rest der Welt ist relativ zu den USA um mehr als 8 Billionen USD reicher geworden. Die Schlussfolgerung, der Rest der Welt hätte sich an den USA bereichert, erscheint verlockend.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der zu berücksichtigen ist: wenn die USA von 1971-2017 insgesamt 11,6 Billionen USD (Zeitwerte) außerhalb ihrer Grenzen mehr ausgegeben als sie dort eingenommen haben, dann bedeutet dies, dass der Rest der Welt in diesem Zeitraum 11,6 Billionen USD mehr Einnahmen aus den USA erzielte als er dort ausgegeben hat. Man könnte dies auch als ein gigantisches grenzüberschreitendes Deficit-Spending seitens der USA zu Gunsten des Restes der Welt betrachten. Ohne dieses grenzüberschreitende Deficit-Spending seitens der USA wären Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand im Rest der Welt wesentlich geringer gewesen. Aus der Sicht des Geschäftsmannes Trump sollte der Rest der Welt zumindest dafür dankbar sein. Stattdessen ortet er im Rest der Welt Anti-Amerikanismus. Sein Geduldsfaden reißt und – nicht untypisch für einen Geschäftsmann – Gegenmaßnahmen werden angedroht.

Anders als beim Budget, wo eine Regierung Ausgaben konkret festlegen und Einnahmen relativ konkret prognostizieren kann, ist die Leistungsbilanz eines Landes nicht so leicht steuerbar. Sie ergibt sich aus unzähligen Handlungen von unzähligen „wirtschaftlichen Agenten“, die auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen reagieren. In einer liberalen Wirtschaftsordnung kann der Konsument alle Produkte, die er will, dort kaufen, wo sie am besten und am günstigsten angeboten werden. Wenn der amerikanische Konsument einen Porsche haben möchte, dann muss er ihn in Deutschland kaufen. Wenn er Billigprodukte haben will, dann muss er sie größtenteils in Asien kaufen. Gewissermaßen hat der amerikanische Konsument von der „Verarmung“ der USA profitiert: er konnte quasi unbegrenzt Luxusautos in Deutschland und Billigprodukte in Asien kaufen. Anfang der 1970er Jahre sagte ein amerikanischer Kollege zu mir: „Wenn die Japaner 18 Stunden am Tag arbeiten wollen und damit zufrieden sind, dass wir ihnen für ihre Produkte Schuldscheine geben, dann soll mir das recht sein!“ Die Luxusautos in der Garage und die Billigprodukte im Warenhaus sind greifbar; die Nettoauslandsverschuldung ist es nicht. Sie ist für den Konsumenten und Bürger abstrakt.

Für die Volkswirtschaft insgesamt ist die Nettoauslandsverschuldung nicht ganz so abstrakt. Wenn eine Volkswirtschaft über Jahrzehnte hinweg grenzüberschreitend über ihre Verhältnisse lebt (Leistungsbilanzdefizite), dann wird früher oder später die Währung des Landes gegenüber anderen Währungen dramatisch an Wert verlieren. Zumindest in der Theorie. In der Praxis gilt das für den Dollar bestenfalls eingeschränkt, weil die USA das „exorbitant privilege“ (Valerie Giscard D’Estaing in den 1960er Jahren) genießen, die Währung, in der sie ihre Auslandsschulden haben, selbst drucken zu können und dass diese Währung auch die wichtigste Reservewährung der Welt ist. Der Anpassungsmechanismus des Wechselkurses hat also beim Dollar in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich funktioniert.

Daraus hat sich in den letzten Jahrzehnten folgendes System (Zyniker nennen es das größte Pyramidenspiel der Geschichte) entwickelt: die US Volkswirtschaft lebte grenzüberschreitend weit über ihre Verhältnisse und verzeichnete Defizite mit dem Rest der Welt; der Rest der Welt häufte Überschüsse mit den USA in Dollar an und die Wall Street entwickelte die Anlageprodukte, um diese Dollar wieder in die USA zurückzuholen. An und für sich ein Spiel, bei dem alle zu gewinnen schienen. Nur halt ein System, das auf unbeschränkte Dauer nicht gut funktionieren kann, vor allem dann, wenn sich die Ungleichgewichte ständig in die gleiche Richtung verstärken: das Gläubigerland USA verschuldet sich immer mehr gegenüber dem Rest der Welt und der Rest der Welt erhöht in gleichem Ausmaß seine Forderungen an die USA. Die steigende Nettoverschuldung der USA erhöht die Zinsen/Dividenden, die die USA jährlich ins Ausland überweisen müssen und dies wiederum belastet die Leistungsbilanz. Ein Teufelskreis.

Hat sich nun der Rest der Welt an den USA bereichert?

Der Ausdruck „Bereicherung“ unterstellt, dass sich Dritte zu einer Art Verschwörung zusammengeschlossen haben, um die USA zu schädigen. Man kann sicherlich einzelnen Ländern vorwerfen, dass sie zeitweise Rahmenbedingungen geschaffen haben, die ihren jeweiligen Volkswirtschaften merkantilistische Vorteile verschafften (deutsche Lohnzurückhaltung, chinesische Währungspolitik, unterschiedliche Zölle und sonstige Handelsbarrieren). Man kann aber deutschen Unternehmen (und den Unternehmen anderer Länder) nicht vorwerfen, dass sie ihre Produkte dort verkaufen, wo sie Abnehmer finden. Solange die USA das „exorbitant privilege“ haben, grenzenlos im Ausland einkaufen zu können, wird es ausländische Unternehmen geben, die versuchen, grenzenlos in den USA zu verkaufen.

Der US Präsident hat in der Tat mit dem Thema Leistungsbilanzen einen wunden Punkt in der globalen Wirtschaftsordnung getroffen: die globalen Ungleichgewichte, die sich aufgrund der globalen Wirtschaftsordnung ergeben haben, können auf Dauer nicht unbeschränkt und einseitig weiterwachsen. Das Dogma des freien Handels mit Produkten und Dienstleistungen muss mit einer Fußnote versehen werden: globaler Freihandel muss über längere Zeiträume hinweg ausgeglichen sein, wenn er zu einer nachhaltigen Wohlstandsvermehrung führen soll. Es ist nicht wirklich verständlich, weshalb der Rest der Welt die Gefahr, die von diesen Ungleichgewichten ausgeht, nicht erkennen will. Massive Ungleichgewichte bei Leistungsbilanzen sind eine Gefahr für beide Seiten: für die Defizitler, weil sie sich immer mehr gegenüber dem Rest der Welt verschulden, aber auch für die Überschüssler, weil sie die Defizitler in immer größerem Ausmaß finanzieren müssen.

Als 1944 in Bretton Woods eine neue globale Währungsordnung geschaffen wurde, prallten 2 unterschiedliche Sichtweisen aufeinander und beide betrafen im Kern die Leistungsbilanzen. Der amerikanische Delegationsleiter Harry Dexter White wollte den USD als globale Ankerwährung und die USD/Gold-Koppelung sollte sicherstellen, dass es zu keinen Ungleichgewichten kommen würde. Natürlich sollte auf diese Weise auch die Dominanz der USA und des USD sichergestellt werden. Der britische Delegationsleiter John Maynard Keynes traute diesem System nicht, weil er befürchtete, dass die USA auf Dauer Ungleichgewichte nicht verhindern können würden. Der Vorschlag von Keynes war, eine neue Reservewährung („Bancor“) zu schaffen, die einen Automatismus für den Ausgleich von Überschüssen/Defiziten schaffen sollte. Damit wäre es nie zu einem „exorbitant privilege“ der USA gekommen. Durchgesetzt hat sich White und nicht Keynes.

Am 15. August 1971, keine 30 Jahre nach Bretton Woods, bekam Keynes posthum Recht: Präsident Nixon schockierte die Welt mit der Ankündigung, die USD/Gold-Koppelung aufzugeben und öffnete damit das Tor für ein massives Über-die-Verhältnisse-Leben der US Volkswirtschaft in den Folgejahrzehnten. Es hat sehr lange gedauert, bis jetzt ein amerikanischer Präsident erkannt hat, dass das massive Über-die-Verhältnisse-Leben der US Volkswirtschaft unvermeidlich zu einer „Bereicherung“ des Restes der Welt gegenüber den USA führen musste. Die damalige Wortwahl von Präsident Nixon in seiner Fernsehansprache erinnert sehr stark an die heutige Wortwahl von Präsident Trump („America first!“).

Alles deutet darauf hin, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. Allerdings nicht, weil mit Donald Trump ein unberechenbarer Präsident ins Weiße Haus eingezogen ist, sondern weil sich über die Jahrzehnte globale Ungleichgewichte zu Lasten der USA ergeben haben, die ein berechnender Präsident nicht mehr akzeptieren will. Die Frage ist, wie lange es dauern wird, bis ALLE erkennen, dass dies ein gemeinsames Problem ist, das nur gemeinsam erfolgreich gelöst werden kann. Möglicherweise nur mit einem Bretton Woods II.

Originalveröffentlichung hier.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Armin Wolf Interviewte Vladimir Putin

Am 4. Juni sendete ORF2 ein Interview, das Starreporter Armin Wolf mit dem russischen Staatspräsidenten Vladimir Putin geführt hatte. Das Interview dauerte fast 1 Stunde, also wesentlich länger als die dafür vorhergesehenen 30 Minuten.

Wolf begann mit der Frage, ob Putin Österreich für seine erste Auslandsreise in seiner neuen Amtszeit wegen der russlandfreundlichen Politik Österreichs gewählt habe. Putin gab sich in seiner Antwort als höflicher Staatsmann und korrekter Diplomat: natürlich nicht, weil "ein so geachtetes europäisches Land wie Österreich keine Belohnung von irgendeiner Seite braucht", obwohl natürlich Österreich ein "traditionell zuverlässiger Partner von Russland in der EU" sei.

Wolf wollte anschließend wissen, warum sich die Partei Geeintes Russland, deren Vorsitzender Putin jahrelang war, 2016 ausgerechnet die FPÖ für ein Partnerschaftsabkommen ausgesucht hatte. Hier bewies Putin gleich zum ersten Mal sein großes Talent für Ablenkungsmanöver. Als Präsident stehe er über den Parteien und er hätte mit dieser Entscheidung nichts zu tun. Ganz abgesehen davon, dass das Geeinte Russland sicherlich mit anderen Parteien auch gerne zusammenarbeiten würde.

Jetzt spürte man zum ersten Mal, dass Wolf nicht geneigt war, Putin's Ablenkungstalent obsiegen zu lassen. Mit einer sehr geschickten Fragestellung unterstellte er Putin, dass Russland möglicherweise die Absicht hat, die EU zu spalten. Das konnte Putin sich nicht gefallen lassen. Mit dem Brusttun der Überzeugung und Aufrichtigkeit sagte er: "Wir verfolgen nicht das Ziel, etwas oder jemanden in der EU zu spalten. Wir sind vielmehr daran interessiert, dass die EU geeint ist und floriert, weil die EU unser wichtigster Handels- und Wirtschaftspartner ist. Und je mehr Probleme es innerhalb der EU gibt, desto größer sind die Risiken und Unsicherheiten für uns. Wir müssen im Gegenteil die Kooperation mit der EU ausbauen." Also ganz klar: die EU spaltet sich selbst und Russland versucht hier friedensstiftend einzuwirken.

Das konnte Wolf so nicht stehen lassen und er schlug die Brücke zum amerikanischen Präsidentenwahlkampf, bei dem Russland massive Interventionen vorgeworfen wurden. Wolf bewies, dass er bestens recherchiert hatte. Es sei unbestritten, sagte Wolf, dass in St. Petersburg eine "Troll-Fabrik" seit Jahren via Internet die öffentliche Debatte mit Fake Postings, etc. beeinflußt. Eigentümer dieser Firma sei ein guter persönlicher Freund Putins, der auch "Putins Koch" genannt wird. Findet der russische Präsident das gut?

Spätesten jetzt merkte Putin, dass das Interview mit Wolf nicht der höflichen Vorbereitung seines Österreich-Besuchs dienen und dass es auch kein Spaziergang werden würde. Was macht ein ex-KGB Agent in solchen Umständen? Er schaltet auf einen anderen Gang um, ohne dabei das freundliche Schmunzeln aufzugeben. Zunächst parierte er Wolfs Angriff mit einer Gegenfrage: bezog sich Wolf auf den russischen Staat oder auf eine Privatperson? Wolf beantwortete diese Frage klipp und klar: "Ich meinte Herrn Prigoschin." Darauf war Putin hervorragend vorbereitet und er behandelte diese Frage wie einen aufgelegten Elfmeter: "Sie haben gesagt, dass man Herrn Prigoschin 'Putins Koch' nennt. Er ist wirklich im Gastgewerbe tätig; damit verdient er sein Geld; er besitzt Restaurants in St. Petersburg. Aber jetzt will ich Sie etwas fragen: Denken Sie im Ernst, dass ein Restaurantbetreiber, auch wenn er Möglichkeiten zum Hacken hat und eine Firma in diesem Bereich besitzt – ich weiß ja gar nicht, was er dort genau tut –, also dass dieser Mann wirklich Wahlen in den USA oder in irgendeinem europäischen Staat beeinflussen kann? Wie tief wären dann die Medien und die Politik im Westen gesunken, wenn ein Restaurantbesitzer aus Russland Wahlen in Europa oder den USA beeinflussen kann. Ist das nicht lächerlich?" 1:0 für Putin.

Jetzt machte Wolf den Fehler, das Gegentor anzufechten, statt es einfach zu akzeptieren und zu einem mehr versprechenden Thema vorzudringen. "Er gibt in dieser 'Troll-Fabrik' jedes (sic) Monat Millionen Dollar aus, um diese Millionen Fake-Postings zu produzieren. Warum sollte das ein Restaurantbetreiber machen?" 9 von 10 Zusehern mußten geahnt haben, was jetzt kommen würde (Wolf offenbar nicht): "Fragen Sie ihn doch selbst!" 2:0 für Putin.

Themenwechsel auf Donald Trump, und Wolf wiederholte seinen Fehler von vorhin, d. h. sein Gegenüber über das Verhalten eines Dritten zu befragen: Warum dauert es so lange, mit Herrn Trump ein Zusammentreffen zu vereinbaren. "Das müssen Sie unsere Kollegen in den USA fragen!" 3:0 für Putin.

Wolf ahnte, dass er etwas zu weit gegangen war und kehrte auf eine seriöse Fragestellung zurück: "Halten Sie einen Krieg, gar einen atomaren Krieg zwischen den USA und Nordkorea für möglich?" Putin hielt sich an das Motto, dass seriöse Fragen auch seriöse Antworten verdienen und er gab eine seriöse und verantwortungsvolle Antwort ("Ich hoffe sehr, dass sich die Sache in eine positive Richtung entwickelt!").

Aber plötzlich schien Wolf von allen guten Geistern verlassen zu sein: er brachte das Thema MH17 zur Sprache und zeigte, dass er dieses Thema hervorragend recherchiert hatte. Richtig ist, dass die Beweislage derzeit mit 99%-iger Sicherheit Russland in der Verantwortung sieht. Richtig ist aber auch, dass Putin selbst bei einer 150%-igen Beweislage jedwede Verantwortung dementieren würde. Die Frage war also nur, wie geschickt er dementieren würde. Und es sollte nicht überraschen, dass er dies sehr geschickt machte. Und dann ging Wolf sein journalistischer Ehrgeiz durch: "Ist es nicht in Wahrheit so, dass Sie einfach nicht zugeben können, dass diese Rakete aus Russland gekommen ist, weil Sie damit auch offiziell zugeben würden, dass Russland die Rebellen in der Ostukraine mit Waffen unterstützt – und das bestreiten Sie ja seit Jahren?" Anders ausgedrückt: ist die Wahrheit nicht, dass Sie lügen?

Ein ehrlicher und einsichtiger Vladimir Putin hätte darauf - mit dem Ausdruck des aufrichtigen Bedauerns in seinem Gesicht - mit nur einem Wort antworten müssen: Ja! Niemand, auch nicht Armin Wolf, konnte erwarten, dass Putin diese Frage ehrlich und einsichtig beantworten würde. Anders ausgedrückt: die Absicht dieser Frage konnte nicht sein, eine ehrliche und einsichtige Antwort zu bekommen, sondern nur, Putin in die Enge zu treiben. Ob es journalistisch klug ist, den Staatspräsidenten von Russland, einen ex-KGB Agenten, in die Enge zu treiben, mag bezweifelt werden.

Zunächst einmal spielte der ex-KGB ein kleines Volley: "Wenn Sie die Geduld aufbringen, mir bis zum Ende zuzuhören, dann werden Sie meinen Standpunkt erfahren. Gut?" Viele Zuschauer werden an diesem Punkt gemeint haben, dass das gut ist. 4:0 für Putin. Wolf's Reaktion: "Bitte!" Daraufhin Putin auf Deutsch: "Danke schön!" Freunde würden diese beiden nicht mehr werden.

Putin verteilte daraufhin seine üblichen Nebelgranaten. Obwohl Wolf ihn gar nicht unterbrochen hatte, sagte er: "Noch eine Sekunde, nicht so schnell, lassen Sie mich das zu Ende erklären. Sonst ist das kein Interview, sondern ein Monolog einer Seite, Ihrer Seite. Darf ich den Satz zu Ende bringen? (Auf Deutsch:) Seien Sie bitte so nett!" 5:0 für Putin.

Wieder verpasste Wolf die Gelegenheit, sich von einem vermurksten Thema zurückzuziehen. Stattdessen weitete er seinen Vorwurf der russischen Lügen aus und brachte die Krim-Annexion und den ukrainischen Regierungswechsel ins Spiel. Darauf hatte Putin wohl gewartet. Der ukrainische Regierungswechsel, so Putin, "war ein verfassungswidriger, bewaffneter Staatsstreich und Machtergreifung. Ja oder Nein?" Wolf's reaktionsstarke, aber dennoch lahme Antwort: "Ich bin kein ukrainischer Verfassungsexperte." Darauf der größte Ausweicher aller Zeiten: "Ah, Sie wollen ausweichen..." Und schon wieder ein Punkt für Putin.

Wolf konnte das Thema Ukraine einfach nicht lassen: "Was müsste passieren, damit Russland die Krim an die Ukraine zurückgibt?" Putin: "Diese Bedingungen gibt es nicht und es kann sie auch nicht geben." Sonst noch Fragen?

Putin hatte seinen erfolgreichen Trick beim ersten Mal so genossen, dass er ihn gleich noch einmal wiederholte. Ohne, dass Wolf ihn unterbrochen hatte, sagte er (auf Deutsch): "Seien Sie bitte so nett, lassen Sie mich etwas sagen." Was für ein höflicher Staatsspräsident! Und Wolf darauf: "Herr Präsident, ich unterbreche Sie so ungern, aber..." Was für ein unhöflicher Journalist!

Trotz alledem konnte Wolf das Thema Ukraine einfach nicht lassen. Putin daraufhin kaltschnäuzig: "Wissen Sie, wenn Ihnen meine Antworten nicht gefallen, dann stellen Sie doch keine Fragen." Und dann gleich noch einmal den Trick, der schon zwei Mal so gut funktioniert hatte: "Aber wenn Sie meine Meinung zu den Fragen hören wollen, die ich aufwerfe, dann müssen Sie Geduld haben und mich ausreden lassen."

Dann ging es zu Syrien. Wolf fragte Putin, warum er ein Regime unterstützt, das Chemiewaffen einsetzt und Putin sagte, dass das nicht stimmt. Soviel dazu.

Im weiteren Verlauf stellte Wolf noch fragen wie z. B. "Suchen Sie in Wahrheit diese ständigen außenpolitischen Konfrontationen, um von der schlechten wirtschaftlichen Lage in Russland abzulenken?" Oder: "Ihre Kritiker in Russland sagen, Sie haben aus einem Land, das auf dem Weg zu einer Demokratie war, ein autoritäres System gemacht – wieder ein autoritäres System gemacht. Sie würden wie ein Zar regieren. Ist das ganz falsch?" Putins Antworten waren erwartungsgemäß, aber seine Stimmung wurde durch diese Fragen sicherlich nicht verbessert.

Mutigerweise sprach Wolf dann den oppositionellen Blogger Alexej Nawalny, dem ein fragwürdiges Gerichtsurteil die Kandidatur bei der letzten Präsidentenwahl untersagte. Putin schien auf präsidentiales Verhalten keinen Wert mehr zu legen und sagte: "Wenn die eine oder andere politische Kraft nur einige wenige Prozentpunkte erreichen oder gar einige hundertstel Prozentpunkte, was soll das dann überhaupt? Was sollen wir mit solchen Clowns?"

Zum Abschluss des Interviews stellte Wolf eine Frage, die bei der Vorbereitung möglicherweise recht humorvoll erschien, die aber nach dem unerwartet harten Schlagabtausch recht deplatziert wirkte: "Es gibt von Ihnen sehr viele Fotos mit nacktem Oberkörper... Was sollen diese Bilder Russland und der Welt zeigen?" "Darin sehe ich überhaupt nichts Schlechtes", meinte Putin, ohne die Frage zu beantworten.

"Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit", fiel Putin noch ein, nachdem Wolf ihn gefragt hatte, ob der den österreichischen Zuschauern noch etwas auf Deutsch sagen wollte. Vielleicht hätte Putin mehr gesagt, wenn ihm das Interview zugesagt hätte.

Wenn man die Rolle eines Journalisten darin sieht, mit ausgezeichneter Vorbereitung und mit extrem geschickter Fragestellung den Gesprächspartner in die Enge zu treiben (obwohl man mit keinen klärenden Antworten rechnen kann), dann war dies ein brilliantes Interview. Wenn man Sinn und Zweck eines Interviews darin sieht, etwas Neues vom Gesprächspartner zu erfahren (vor allem auch etwas, was einen Bezug zu Österreich und zum bevorstehenden Staatsbesuch hat), dann hatte dieses Interview nur wenig anzubieten. 

Dienstag, 20. März 2018

Niki Lauda's Chuzpe

Erst im Januar dieses Jahres war Niki Lauda siegreich in einem Bieterwettbewerb und kaufte die vormalige Fluglinie "Niki" (jetzt Laudamotion) für 40 MEUR. "Mit eigenem Geld", wie er sagte. Wohl kein gelernter Österreicher hat wohl geglaubt, dass Laude wirklich 40 MEUR seines Geldes in eine Fluglinie investieren würde, die er alleine wohl kaum in schwingende Lüfte bringen könnte.

Jetzt wird bekannt, dass Lauda 75% seiner Laudamotion an Ryanair weiterverkauft hat und zwar um weniger als 50 MEUR. "Weniger als 50 MEUR" sind sicherlich mehr als 40 MEUR. Ryanair wird weitere 50 MEUR als Anschubskosten investieren und es ist davon auszugehen, dass Ryanair mit seinen Ressourcen aus Laudamotion eine erfolgreiche Billigfluglinie machen wird. An der natürlich Lauda 25% halten wird.

Ein geniales Konzept: man kaufe 100% einer schwachen Fluglinie für 40 MEUR, um dann 75% davon für weniger als 50 MEUR weiterzuverkaufen mit der Bedingung, dass der Käufer weitere 50 MEUR investieren wird und über die Ressourcen verfügt, die Fluglinie positiv zu entwickeln, d. h. ihren Wert maßgeblich zu steigern. Lauda hat sein eingesetztes Kapital zurück und besitzt weiterhin 25% an einer Fluglinie, deren Wert nur steigen kann. Und wenn er Lust und Laune hat, kann er auch von Zeit zu Zeit selbst den Piloten machen.

Chuzpe, Niki Lauda!

Sonntag, 1. Oktober 2017

Christian Kern - Saubermann!

Nach seiner heutigen Pressekonferenz werden alle eingefleischten Christian-Kern-Anhänger überzeugt davon sein, dass ihr Mann ein Saubermann ist wie er in der Politik nur selten vorkommt. Ein absoluter Gentleman erweckte den Eindruck, dass ein Schelm ist, wer anders denkt.

Für die SPÖ bestätigte Kern mit aller Eindeutigkeit, dass keinerlei Gelder an die Schmutzkübeltruppe geflossen sind, weder vor dem Ausscheiden von Tal Silberstein und schon gar nicht nachher. Davon ausgehend, dass diese Schmutzkübeltruppe von irgend jemandem Geld bekommen haben muss, kann es nur von anderen gekommen sein. Die SPÖ ist diesbezüglich, auf gut Österreichisch, vollständig aus dem Schneider. Kern hat seine Partei und Wahlkampagne im Griff: wenn er das mit aller Eindeutigkeit bestätigt, dann hat das zu gelten.

Nachdem es denkunmöglich ist, dass keinerlei Gelder geflossen sind und wenn sie nicht von der SPÖ geflossen sind, dann müssen sie von jemand anderem gekommen sein. Was liegt da schon näher als der Verdacht, dass die Gelder von Kern-Gegnern geflossen sind? Und wer sind solche Kern-Gegner?

Richtig geraten! Da ist doch dieser großspurige Jüngling names Sebastian Kurz, der schon seit Jahr und Tag die bösesten Spielchen treibt, um an die Macht zu kommen. Erst hat er seinen Parteifreund Reinhold Mitterlehner waidmannsgerecht erledigt und jetzt hat er seinen Gegner, Christian Kern, im Visier. Einen Maulwurf in die SPÖ einzuschleusen, über den dann Gelder fließen, kommt einem sofort in den Sinn. Das würde schon zu diesem superschlauen Sebastian Kurz passen.

Es war eine geschickte Pressekonferenz. Kein Mensch könnte diesem netten, ehrlichen Christian Kern zutrauen, dass er von solchen Malversationen gewußt, geschweige denn, sie bewilligt hat. Über solchen üblen Dingen steht dieser Saubermann, das sieht doch jeder. Kern wird jetzt dafür sorgen, dass radikal aufgeklärt wird. Man wird die Täter finden und man wird sie außerhalb der SPÖ finden. Leider nicht mehr vor der Wahl am 15. Oktober. So schnell kann das nicht gehen.

Warum kann das eigentlich nicht so schnell gehen? Der Laie stellt sich das recht einfach vor. Man holt die Schmutzkübeltruppe zusammen und interviewt einen nach dem anderen. Man fragt sie, wie sie bezahlt worden sind. Wenn via Kontoüberweisung, dann überprüft man die Zahlungsauftraggeber. Wenn in bar, dann fragt man, von wem. Oder wie die Amerikaner sagen: follow the money.

Der gelernte Österreicher hat jedoch den berechtigten Verdacht, dass dieser Fall nie zur Gänze aufgeklärt werden wird. Möglicherweise sind die Gelder von Tal Silberstein geflossen und dieser weigert sich, Auskunft zu erteilen, von wem er sie bekommen hat. Am Ende des Tages wird Christian Kern als das größte Opfer der politischen Geschichte Österreichs in die Annalen eingehen. Ein guter Mann, der einfach zu gut für die schmutzige Politik war.