Dienstag, 5. Januar 2021

Terminwunsch Bei Dr. Clemens Martin Auer, Sonderbeauftragter Für Gesundheit

Gestern schickte ich folgendes Schreiben an Dr. Clemens Martin Auer, Sonderbauftragter für Gesundheit im österreichischen Bundesministerium für Gesundheit:


"Sehr geehrter Herr Dr. Auer,

Ihrem Interview im heutigen Ö1-Mittagsjournal habe ich entnommen, dass Österreich bereits rund 60.000 Dosen Biontech/Pfizer lagernd hat und dass diese Woche noch weitere 60.000 Dosen dazukommen. Dieser sehr große Vorrat an Impfstoff wird diese Woche nicht verimpft bzw. nicht gebraucht.

Vor diesem Hintergrund beantrage ich hiermit, dass Sie mir einen Termin nennen, wo und wann ich mich diese Woche impfen lassen kann. Mein Alter ist 72 und ich habe eine Vorerkrankung (Nierenkarzinom). Ich kann innert 5 Stunden zu jedem von Ihnen vorgeschlagenen Impfstandort in Österreich kommen.

Ich betrachte mich als sehr gefährdet, was eine mögliche Corona-Ansteckung betrifft. Vor diesem Hintergrund könnte ich nicht nachvollziehen, dass mir die Behörde einen Schutz, den Sie mir geben könnte, vorenthält, obwohl er diese Woche von niemandem gebraucht wird. 

In Erwartung Ihrer Rückantwort verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen."


Mit einer Rückantwort rechne ich realistischerweise nicht.

Montag, 4. Januar 2021

Sag' Mir, Wo Die FFP2 Masken Für Senioren Geblieben Sind!

Am 11. Dezember 2020 wurde im Nationalrat beschlossen, alle Österreicher über 65 mit jeweils 10 Stück FFP2 Gratismasken zu versorgen. In Summe soll es sich um rund 1,7 Millionen Menschen handeln. Der Versand sollte noch vor Weihnachten stattfinden. Per heute ist nicht bekannt, ob schon irgendjemand eine dieser FFP2 Masken erhalten hat. Angeblich soll nun der Versand bis 15. Jänner erfolgen.

Sagt mal, liebe Regierungsverantwortlichen - geht's noch?

Die namhaften österreichischen Firmen Lenzing und Palmers hatten rasch auf die 1. Welle im Frühjahr reagiert und eine Maskenproduktion aufgebaut. Schon seit Monaten werden beim diesbezüglichen Lenzing/Palmers Joint Venture, Hygiene Austria LP GmbH (HA), zertifizierte FFP2 Masken in großen Stückzahlen hergestellt. 

Vor einigen Monaten klagte HA, dass der österreichische Staat Masken aus China kauft statt von HA, weil die chinesischen Masken billiger sind. HA war gezwungen, sich Abnehmer außerhalb von Österreich zu suchen.

Nun würde der Laie vermuten, dass der österreichische Staat aufgrund der Dringlichkeit alle diese 1,7 Millionen FFP2 Masken bei HA bestellen würde. Nicht nur um die Kaufkraft in Österreich zu halten, sondern auch um dieser FFP2 Maske das Gütesiegel der Republik zu aufzusetzen. Selbst wenn HA dieses Volumen alleine nicht bewältigen könnte, gäbe es genügend Hersteller in Deutschland, die FFP2 Masken in Stückzahlen von 100.000 kurzfristig liefern können. Man müßte sich nur etwas umhören, statt darauf zu warten, dass China neue Masken schickt.

Es staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, was hier wohl geschehen ist. Und alle wundern sich, dass es seitens der Regierung keine plausible Erklärung dafür gibt!

Samstag, 2. Januar 2021

Österreich - Ein Impfparadies!

Im Jahr 2019 ließen sich - laut Informationen des Gesundheitsministeriums - nur 8% der Österreicher gegen die Influenza impfen. Für 2020 wurde seit Jahresanfang das Ziel verkündet, diesen Prozentsatz auf mindestens 20% zu erhöhen. Der Laie würde davon ausgehen, dass man entsprechend mehr Impfstoff kaufen würde.

Die Impfstoffverfügbarkeit war von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Wien gab es angeblich ausreichend Impfstoff. In Oberösterreich hingegen gab es für Privatpersonen zunächst einmal fast gar keinen Impfstoff. Im Oktober konnte man sich bei Hausärzten und Apotheken auf Wartelisten setzen lassen, Impfstoff gab es jedoch keinen. Im November gab es sporadisch Impftermine bei einzelnen Bezirkshauptmannschaften, aber in den meisten Fällen war der verfügbare Impfstoff schon nach 1 Stunde verbraucht. Noch Ende November war die Auskunft einer Bezirkshauptmannschaft: "Wir haben keinen Impfstoff und wir haben auch keinerlei Information, wann - und ob überhaupt - noch Impfstoff kommen wird."

Am 7. Dezember erhielt ich folgende Auskunft vom Sozialministerium: "Wir gehen davon aus, dass es vor dem Hintergrund der nun detailliert bekannten Situation in den kommenden Wochen noch zu einer Umschichtung von Impfstoffdosen und damit auch zu einer Entspannung der Situation am Privatmarkt kommt. Sollten Sie bei der gewünschten Anlaufstelle keinen Impfstoff erhalten, wird empfohlen, das Vorhandensein alternativer Impfangebote, wie beispielsweise am Arbeitsplatz oder über öffentliche Impfstellen zu prüfen." Das war sehr hilfreich. Ab Mitte Dezember schien sich dann die Situation zu entspannen.

Mitte Dezember verkündete Bundeskanzler Kurz, dass man noch im Dezember rund 10.000 Corona-Impfdosen von Biontech/Pfizer bekommen würde. In weiterer Folge: 240.825 Dosen im Jänner, 331.500 Dosen im Februar und 375.375 Dosen im März. In Summe würden also - laut Bundeskanzler Kurz - bis Ende März rund 957.700 Dosen zur Verfügung stehen.

Aktueller Stand der Dinge ist mittlerweile, dass es bis Ende März nur rund 150.000 Dosen sein werden. Mehr als ein nur geringfügiger Unterschied! Man kann nur hoffen, dass hier ein Mißverständnis vorliegt.

Wenn man Gesundheitsminister Anschober bei Pressekonferenzen zuhört, würde man nie auf den geringsten Gedanken kommen, dass nicht alles mehr oder weniger perfekt abläuft. Sollte sich die Situation bei den Coronaimpfstoffen in der Tat so negativ entwickeln wie oben dargestellt, dann wäre es wohltuend, wenn Gesundheitsminister Anschober einmal vor die Kameras treten würde mit der Ansage: "Es tut uns fürchterlich leid, aber wir haben hier Mist gebaut."

Samstag, 19. Dezember 2020

FFP2 Masken - Unabdingbarer Selbstschutz!

Selten kommt es vor, dass es bei einer gesundheitlichen Vorsorge so viele Mißverständnisse gibt wie bei dem Thema "Masken". Seit Monaten wird von "Masken" und "Maskenpflicht" geredet ohne zu erkären, welche Masken welchen Schutz bieten. In letzter Zeit sind Selbstschutzmasken (FFP2, KN95) in der Vordergrund der Diskussion geraten.

Masken SIND NICHT gleich Masken. Der Großteil der Masken, die man derzeit im Umlauf sieht, ENTSPRICHT NICHT den EU Bestimmungen für ausreichenden Selbstschutz. Und man darf getrost davon ausgehen, dass ein erheblicher Teil davon keinen ausreichenden Selbstschutz bietet.

EU Bestimmungen schreiben vor, dass Selbstschutzmasken (in Europa FFP2, ansonsten K95) eine Mindestfiltrierung von 94% zertifiziert haben müssen. Gewährleistet wird dies dadurch, dass AUF JEDER MASKE AUFGEDRUCKT SEIN MUSS: (a) Hersteller, (b) Bezeichnung der Maske, (c) EU Konformitätsnachweis und (d) CE Zertifizierungsnummer. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine Maske ohne diesen Aufdruck NICHT den EU Bestimmungen für Selbstschutz entspricht.

Selbst Apotheken sind oft nicht mit obigen EU Bestimmungen vertraut. Ich habe in Apotheken sogenannte FFP2 Masken gekauft, die sich bei nachträglicher Internet-Recherche als Fälschungen herausgestellt hatten. Natürlich kann man chinesischen Qualitätsmasken vertrauen. Immerhin haben die Chinesen mehr Erfahrungen mit Viren als wir. Aber unter dem Titel "chinesische Masken" wird enorm viel Schindluder getrieben. Außerdem lassen selbst die chinesischen Qualitätshersteller ihre Masken oft in Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder der Türkei zertifizieren, was nicht unbedingt vertrauensbildend ist. Übrigens, auch die Hygiene Austria (Lenzing/Palmers) läßt ihre Masken in Ungarn und nicht in Österreich zertifizieren. Die CE Prüfstelle kann man in der NANDO-Datenbank abfragen.

Mit meinen schlechten 'Maskenerfahrungen' habe ich meine Käufe reduziert auf (a) in Deutschland hergestellte und (b) in Deutschland zertifizierte (von der DEKRA) FFP2 Masken. Ich habe bisher nur 2 Masken gefunden, die diesen beiden Anforderungen entsprechen: Bluebec und Fackelmann/Vock. Beide sind von der DEKRA zertifiziert (CE 0158). Preise sind zwischen 3-5 Euro pro Stück. Nicht wiederverwendbar. Bei der Bluebec Maske wird die Filtrierung mit 98% angegeben, bei der Fackelmann/Vock Maske mit 99%. Der beste Corona Impfstoff gibt einen Schutz von 95% an.

Daneben gibt es noch die blauen "medizinischen Gesichtsschutzmasken". Sie gewährleisten eine sehr guten Fremdschutz, aber keinen Eigenschutz. Nur wenn ALLE solche Masken tragen würden, hätten alle auch einen guten Selbstschutz.

Alles, was nicht FFP2 oder medizinische Gesichtsschutzmasken ist, sollte man eigentlich vergessen. Sie bieten mit Sicherheit keinen Selbstschutz, aber auch der Fremdschutz ist nicht getestet.

Freitag, 17. April 2020

Corona - Ausgerechnet die Griechen machen das vorbildlich!

Griechenland scheint durch Corona eine Neugeburt zu erfahren. Plötzlich gilt vieles von dem, was Griechenland früher ‚ausgezeichnet‘ hat im negativen Sinn (inkompetente Politiker, permanenter Streit, inkompetente Verwaltung, etc.) nicht mehr. Die politische Führung unter Premier Minister Kyriakos Mitsotakis ist plötzlich vorbildlich. Das Corona-Problem wurde sehr frühzeitig als ernstes Problem erkannt und man hat nicht lange herumlaviert. Konsequente, rationale Maßnahmen (d. h. Maßnahmen basierend auf Fakten) wurden eingeführt und konsequent umgesetzt (früher und konsequenter als in Österreich). Man stelle sich vor: kein Ausgang ohne eine vorherige SMS an eine behördliche Stelle! Die Einhaltung der Maßnahmen wird von der Exekutive streng geprüft: in den ersten 3 Wochen der Maßnahmen summierten sich Strafen wegen Nichteinhaltung auf 4,2 Millionen Euro.

Die Improvisationsfähigkeit und Kreativität der Griechen haben jetzt ein Heimspiel. Griechenland wird beispielsweise derzeit radikal digitalisiert. Zustellservice via Internet für alle möglichen Produkte, nicht nur Lebensmittel, gab es in größeren Städten schon seit längerem. Dieses System wird derzeit rasant ausgebaut, ist bereits eine Selbstverständlichkeit und funktioniert ausgezeichnet (Zustellung gleichtägig, wohlgemerkt!).

Verrückte Ideen wurden sofort gestoppt. Sogar gegenüber der Kirche hat die Regierung Rückgrat gezeigt und sich auch durchgesetzt. In der Vergangenheit hat es eine Regierung nie gewagt, gegen die Kirche Position zu beziehen. Jetzt hatte die Kirche zunächst darauf bestanden, weiterhin Gottesdienste abzuhalten, noch dazu mit der Kommunion. Es hat nicht lange gedauert, bis die Kirche einen Rückzieher machte. Respekt! Das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können.

Das Gesundheitssystem ist meines Wissen voll funktionsfähig. Man hört nichts über große Dramen. Allerdings sind die griechischen Corona-Ziffern wirklich sehr niedrig. eine direkte Konsequenz der konsequenten Politik. Aktueller Stand: 1.755 Infizierungen mit 79 Todesfällen (zum Vergleich das kleinere Österreich: 12.519 Infizierungen mit 243 Todesfällen).

Die Auswirkungen auf die Wirtschaft werden brutal sein, weil Griechenland so stark vom Dienstleistungssektor, vor allem vom Fremdenverkehr, abhängig ist. Aber im Gegensatz zu früher wird sich Griechenland diesmal in guter Gesellschaft befinden. Die derzeitigen Corona-Maßnahmen bewegen sich – wie in Österreich – bei ca. 10% der wirtschaftlichen Jahresleistung.

Es gibt ein Risiko, an das man gar nicht denken möchte, denn sollte es schlagend werden, dann wird die Hölle los sein, nicht nur in Griechenland, sondern auch in der EU. Bisher hat sich Corona in den Flüchtlingslagern noch nicht wirklich breit gemacht. Beim Zustand dieser Lager ist das ein reines Wunder. Sollte es da in einem Lager von 20.000+ Flüchtlingen zu einem größeren Ausbruch kommen, dann habe ich nicht die geringste Ahnung, wie man der Sache Herr werden könnte. Da schlummert möglicherweise eine Zeitbombe.

Anfang März setzte die Regierung das Asylrecht wegen Gefahr in Verzug außer Kraft. Man versprach, dass dies nur eine vorübergehende Maßnahme für 1 Monat sein würde. Prompt wurde Griechenland von vielen Medien und Politikern verurteilt. Fast so schlimm wie Ungarn, meinte man. Dieser Monat lief Anfang April aus – und ohne viel Gedöns hat man auch den obigen Eingriff auslaufen lassen.

Noch einmal: Griechenland agiert derzeit nicht nur wie ein ’normales Land’ (im Gegensatz zu früher), sondern auch vorbildlich in allen Bereichen. Und mit Erfolg, wie man an den Ziffern sieht. Wenn man mit den Griechen, vor allem in der Politik, einigermaßen vertraut ist, kann man nur staunen, dass jetzt nicht gestritten wird. Im Gegenteil, es wird konstruktiv zusammengearbeitet. Selbst Alexis Tsipras klingt versöhnlich!

Vor ein paar Tagen wurde Premier Minister Mitsotakis auf CNN 15 Minuten lang von Christiane Amanpour interviewt. Von Mitsotakis’ Performance könnte sich selbst unser Super-Bundeskanzler noch etwas abschauen.

Originalveröffentlichung hier.

Dienstag, 19. November 2019

CASAG: Was faul ist im Staate Österreich

Bei der Welser Messe 1980 prägte der damalige Bundespräsident Kirchschläger den Ausdruck der “Sümpfe und sauren Wiesen”. Die Eliten Österreichs gaben sich schockiert, aber einsichtig und gelobten Besserung. Im Jahr 1997 beging der damalige Vorstandsvorsitzende der Kontrollbank, Gerhard Praschalk, Selbstmord. Die Medien berichteten von einer problematischen Persönlichkeitsstruktur, die eine Kränkung nicht überwinden konnte. Die Kränkung bestand darin, dass Praschalk seinen Job an den scheidenden Minister Scholten abtreten sollte (allerdings im Tausch gegen einen anderen hoch dotierten Job). Vor seinem Selbstmord verfaßte Praschalk eine 120-seitige Dokumentation über Postenschacher, politischen Druck und andere unappetitliche Dinge im “System Österreich”. U. a. habe ihn der scheidende Minister Scholten zur Einsicht gedrängt und ihn ermahnt, er sollte doch realistisch werden. Zitat von Scholten (laut Praschalk): “Anderswo mag Können über Karriere entscheiden. In Österreich ist es politischer Druck!”

Im gleichen Jahr startete die EU-Kommission eine Untersuchung des sogenannten Lombard Clubs. Der Lombard Club bezog sich auf ein monatliches Treffen führender Banker Österreichs im Hotel Bristol, eine Usance, die auf die 1950er Jahre zurückging und die der Öffentlichkeit wohl bekannt war. Nach ‘Sitzungen’ des Lombard Clubs berichteten die Zeitungen in der Regel “…bei der gestrigen Sitzung des Lombard Clubs wurde beschlossen…”. Die EU-Kommission urteilte 2002, dass der Lombard Club ein Zinskartell war und verfügte Strafen in Höhe von (damals) 125 Mio. EUR. Österreich gab sich geschockt, dass so etwas Unrechtliches wie der Lombard Club in Österreich existieren konnte.

Postenschacher verbunden mit Gegenleistungen und sonstige Unsittlichkeiten waren/sind allgemeiner Bestandteil der politischen (Un-)kultur der 2. Republik. Jetzt so zu tun, als wäre der CASAG Fall ein in der 2. Republik einzigartiger Skandal ist eine Scheinheiligkeit größten Ausmaßes. Das Gegenteil trifft zu: der CASAG Fall ist ein klassisches Beispiel davon, was faul ist im Staate Österreich.

Ich glaube, dass die Medien einen großen Beitrag leisten könnten, wenn sie die jetzigen Skandale in die richtige Perspektive bringen würden. Niemandem ist geholfen, wenn aus Bekehrten Fanatiker werden. Die richtige Perspektive wäre aus meiner Sicht, die Öffentlichkeit aufzuklären, dass sich über die Jahre hinweg in Österreich Sümpfe und saure Wiesen entwickelt haben. Dass sogar ein Bundespräsident einmal darauf hingewiesen hat, allerdings ohne Erfolg. Und dass der jetzige Skandal eine Art ‚good news – bad news‘ ist. Die schlechte Nachricht ist, dass da offenbar wirklich ein handfester Skandal passiert ist (mit möglichen strafrechtlichen Vergehen). Die gute Nachricht ist, dass man diesen Skandal vielleicht doch jetzt zum Anlass nehmen wird, die Sümpfe und sauren Wiesen auszutrocknen mit der ehrlichen Erkenntnis, dass in der Vergangenheit fast alle gemeinsam durch die Sümpfe und sauren Wiesen gewandert sind.

Originalveröffentlichung hier.

Sonntag, 5. Mai 2019

Armin Wolf Hat Sich Selbst Pragmatisiert

Am 24. April kam es während eines Interviews, das Armin Wolf in der ZIB2 mit dem Generalsekretär der FPÖ (und Spitzenkandidaten für die EU-Wahl am 26. Mai) Harald Vilimsky führte, zu einem Eklat. Wolf überraschte Vilimsky mit einem Bildervergleich: einerseits ein rassistisch motiviertes Bild aus einem Flyer einer FPÖ Jugendorganisation, andererseits ein rassistisches Bild aus der ehemaligen Nazi-Zeitschrift "Stürmer". Vilimsky reagierte auf diesen Vergleich mit folgendem, folgenschwerem Satz: "Indem Sie hier vom 'Stürmer' ein Bild nehmen, das gegenüber einem Jugendplakat gegenüber stellen und den Eindruck erwecken, dass wir in der Nähe des Nationalsozialismus wären … ist etwas, das nicht ohne Folgen bleiben kann.

Dass der erste Teil dieses Satzes durchaus seine Berechtigung hat, wurde überschattet vom zweiten Teil: die 'Folgen', die Vilimsky anspricht, können nur dahingehend interpretiert werden, dass es sich um einen politischen Aufruf handelt, einen kritischen Journalisten aus dem ORF zu entfernen. Es steht außer Frage, dass eine solche Konsequenz den Tatbestand der Einschränkung der Pressefreiheit erfüllen würde.

Selten hat ein TV-Interview ein so enormes nationales  und - vor allem! - internationales Echo hervorgerufen wie dieses. Wolf hat das internationale Medienecho in einem Blogpost zusammengefaßt.

Aus der Ecke der üblichen Verdächtigen häuften sich Aufrufe, Wolf aus dem ORF zu entfernen, d. h. seinen Dienstvertrag aufzulösen. Selbst der Vorsitzende des ORF-Stiftungsrates (und ehemaliger FPÖ-Chef) Norbert Steger ließ sich in einem Interview zu der Äußerung hinreißen, dass - wenn er Herr Wolf wäre - "ich ein Sabbatical nehmen, auf Gebührenzahler-Kosten durch die Welt fahren und mich neu erfinden würde."

Zweifelsfreies Ergebnis dieser erzeugten Aufregung ist, dass als direkte Konsequenz derselben Wolf's Arbeitsplatz auf Dauer abgesichert ist bzw. dass sich Wolf mit Provokationen obiger Art de fakto selbst pragmatisiert hat. Jegliche Einschränkung seiner Freiheiten (von einer 'Entfernung' aus dem ORF ganz zu schweigen) würde national und international als Anfang vom Ende der Pressefreiheit in Österreich interpretiert werden. Diesem Vorwurf wird sich die österreichische Bundesregierung sicherlich - und zu Recht - nicht aussetzen.

Sollte Wolf aus dem ORF entfernt werden? Mit Sicherheit nicht! Wolf ist ein hervorragender Journalist, der sich auf seine Auftritte minutiös und mit großer Recherche vorbereitet und der Interviews mit großem Geschick führt. Ganz abgesehen davon, dass Wolf sicherlich auch für gute Quoten seines Programms sorgt. Eine Entfernung von Wolf wäre in der Tat ein Verlust für den ORF und auch für seine Zuseher. In einem 'normalen' Unternehmen würde allerdings die Geschäftsführung ein sogenanntes 'Mitarbeitergespräch' mit Wolf führen.

Ein solches Mitarbeitergespräch müßte darauf abzielen, Wolf Rückmeldung zu geben, wie er von vielen wahrgenommen wird. Bei Wolf kann rasch der Eindruck entstehen, dass es ihm bei Interviews nicht primär um seinen Gesprächspartner geht, sondern um sich selbst (vor allem dann, wenn er den Gesprächspartner aufs Glatteis führen will). Es kann sogar der Eindruck entstehen, dass es ihm bei gewissen Gesprächspartnern in erster Linie darum geht, sie aufs Glatteis zu führen (Vlimsky wäre ein passendes Beispiel; Putin auch). Wolf scheut vor Provokationen nicht zurück, wohl wissend, dass Provokationen auch polarisieren. Auf diese Weise kommt es vor, dass ein Journalist zum Superstar hochgehievt wird (Wolf wurde vielerorts bereits 'Superstar des ORF' genannt). Die wenigsten sind gegenüber Superstars neutral: Superstars werden in der Regel entweder bewundert oder kritisiert (bzw. beneidet), nicht nur vom Publikum im allgemeinen, sondern oft auch in den eigenen Reihen. Es wäre durchaus vorstellbar, dass Wolf's Verhalten nicht unbedingt in allen Bereichen des ORF auf Zustimmung stößt, dass es möglicherweise sogar intern spaltet.

Man könnte Wolf empfehlen, sich mit seiner Kollegin Lou Lorenz-Dittlbacher zu vergleichen. Lorenz-Dittlbacher steht Wolf als Journalistin und Interviewerin um nichts nach. Auch sie bereitet sich minutiös und mit großer Recherche vor und ihre Fragestellung bei Interviews ist hervorragend. Wo liegt der Unterschied? Bei Lorenz-Dittlbacher wird nachher nicht über sie diskutiert, sondern über Ihre Gesprächspartner.

Manche werfen Wolf vor, dass er eitel ist. Dieser Vorwurf geht ins Leere bzw. ist ein Widerspruch in sich selbst. Ein gewisses Ausmaß an Eitelkeit ist Voraussetzung für den Erfolg in einer Rolle wie jener von Wolf. Mag sein, dass Wolf etwas zu eitel ist, aber auch dies könnte man in einem Mitarbeitergespräch entspannt ausdiskutieren.

Für private Medienunternehmen mag es sicherlich erfolgversprechend sein, einzelne Programme zu personifizieren. CNN hat z. B. Shows, die nach Personen benannt sind: "Amanpour" (nach Christiane Amanpour), "Quest mean business" (nach Richard Quest), "Anderson Cooper 360" (nach Anderson Cooper), etc. Dieser Logik folgend könnte man den Namen der ZIB2 beispielsweise auf "Nachrichten mit Armin Wolf" umändern. Das würde Wolf's selbst-zentriertem Auftritt entsprechen.

Die Frage ist, ob ein öffentlich rechtlicher Rundfunk wie der ORF eine Erscheinungsbild wie private Medienunternehmen aufbauen sollte. Wahrscheinlich würde es besser zum ORF passen, immer die Sache in den Mittelpunkt zu stellen und weniger die Person.