Sonntag, 20. Januar 2013

Salzburger Zahlen(fest)spiele

Der Expertenbericht zur Finanzlage des Bundeslandes Salzburg, der am 16. Jänner 2013 präsentiert wurde, lässt unterschiedliche Schlussfolgerungen zu. Der Normalbürger wird möglicherweise daran verzweifeln, weil er eine ‚endgültige Klärung‘ erwartet, diese jedoch nicht bekommen hat. Dies liegt nicht an einer möglichen Verdrehung der Fakten. Fakten kann man nicht wirklich verdrehen, deren Präsentation allerdings schon.

Bei der Präsentation der Fakten haben sich die Experten (mit oder ohne Einflussnahme der Landesregierung) für folgende Argumentationslinie entschieden:

1.     Bis dato unbekannte Schulden i.H.v. 1.828 Mio. EUR wurden ausfindig gemacht („Schattenschulden“). Diese Schulden wurden in den vergangenen Jahren mutmaßlich zum Aufbau eines verborgenen Wertpapier-Portfolios aufgenommen. Das ist ganz furchtbar!
2.     Ein bis dato unbekanntes Wertpapierportfolio im Gesamtmarktwert von 1.354 Mio. EUR wurde ausfindig gemacht. Das ist zwar auch furchtbar, aber nicht ganz so furchtbar, als wenn man bis dato unbekannte Schulden entdeckt.
3.     Glücklicherweise besitzt das Land Salzburg noch andere Finanzwerte, sodass sich ein gesamtes Finanzvermögen i.H.v. 1.902 Mio. EUR ergibt. Diesem Finanzvermögen stehen o.g. Schattenschulden i.H.v. 1.828 Mio. EUR gegenüber.
4.     Glücklicherweise gibt es demzufolge einen Vermögensüberhang von 74 Mio. EUR!

Obige Argumentationslinie klingt zweifellos überzeugend. Sie ist jedoch gleichzeitig ein Offenbarungseid.

Man kann ein Schattenportfolio haben und man kann Schattenschulden haben. Man kann aber nicht wirklich ein offizielles Depot mit Schattenschulden finanzieren, weil ja jeder Adam Riese (zumindest der Rechnungshof) fragen würde, womit man denn die Wertpapiere bezahlt hat. Umgekehrt wäre es schon möglich, ein Schattendepot mit offiziellen Schulden zu finanzieren. Die Schulden wären dann bekannt, die Vermögenswerte nicht --- und die Schulden würden zu Verlusten mutieren.

Die o.g. Argumentationslinie sagt jedoch ganz eindeutig, dass es Schattenschulden gab mit dem einzigen Zweck, ein Schattenportfolio zu finanzieren. Damit wird es ganz einfach: man ziehe vom Wert des Portfolios die Schulden ab. Bleibt etwas übrig, hat man gut gewirtschaftet. Hat man ein Minus, dann hat man wirklich ein Minus.

Wenn man vom Schattenportfolio i.H.v. 1.354 Mio. EUR die Schattenschulden i.H.v. 1,828 Mio. EUR abzieht, dann verbleibt ein Minus (Schuldenüberhang) i.H.v. 474 Mio. EUR. Anders ausgedrückt: man hat 1.828 Mio. EUR Schulden aufgenommen und das Geld in Wertpapiere investiert. Diese Investition ist derzeit nur mehr 1.354 Mio. EUR wert. Ein Normalbürger würde dies als Verlust betrachten.

Interessanterweise liegen diese 474 Mio. EUR nicht allzu weit weg von jener ‚Verlustwarnung‘, die Frau „R“ angeblich errechnet hatte. Frau „R“ sagte, dass diese Verluste entstehen würden, wenn man das Schattenportfolio zu aktuellen Marktkursen liquidieren würde. Die Experten haben nun das Schattenportfolio zu aktuellen Marktkursen bewertet und kamen auf einen Verlust, der sogar über der ‚Verlustwarnung‘ von Frau „R“ liegt.

Wie konnten die Experten o.g. Argumentationslinie glaubhaft darstellen?

Das Land Salzburg hatte zusätzlich zum Schattenportfolio noch offizielle Finanzwerte i.H.v. 548 Mio. EUR (451 Mio. EUR Derivatportfolio; 97 Mio. EUR Barguthaben). Diese offiziellen Finanzwerte wurden mit offiziellen Schulden finanziert.

Im Expertenbericht wurden die offiziellen Finanzwerte den Schattenschulden zugeordnet. Daraus ergab sich ein Vermögensüberhang von 74 Mio. EUR aus den sogenannten ‚Finanzgeschäften‘, allerdings auch ein Schuldenüberhang von 800 Mio. EUR in der finanziellen Gesamtsituation. Hätte man nicht sich nicht verspekuliert, wäre dieser Schuldenüberhang in der finanziellen Gesamtsituation um 474 Mio. EUR niedriger gewesen.



TABELLARISCHE ÜBERSICHT





Vermögenswerte


Verbindlichkeiten






A. Finanzmanagement




Schattendepot
1.354

Summe Schattenschulden
1.828
Derivateportfolio
451



Barguthaben
97




-------


-------
Summe Finanzvermögen
1.902

Summe Schulden
1.828
Abgzl. Schattenschulden
1.828




-------



Vermögensüberhang
74













B. Sonstige Aktiva/Passiva









Wohnbaukredite
605

ÖBFA Schulden
605



Offizielle Verschuldung
874

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Summe Aktiva
605

Summe Passiva
1.479



Abzgl. Aktiva
605




-------



Schuldenüberhang
874










GESAMTE FINANZSITUATION





Summe Aktiva
2.507

Summe Passiva
3.307



Abzgl. Aktiva
2.507




-------



Schuldenüberhang
800

Kommentare:

  1. Ist das nicht strafbare Bilanzfälschung gewesen?
    Wenn ja, rollen dann Köpfe?

    H.Trickler

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    1. Die öffentliche Hand macht ihr Rechnungswesen nach dem Konzept der 'Kameralistik'. Das haben die meisten Österreicher wahrscheinlich erst nach dem Salzburger Skandal erfahren. In der Kameralistik gibt es keine Bilanz, demzufolge kann es auch keine Bilanzfälschung geben. Und das Bundesland Salzburg brauchte über 1 Monat, um seinen Schuldenstand festzustellen (und dieser Stand musste im Nachhinein mehrmals und ganz gewaltig korrigiert werden).

      Ist aber kein besonderer Stress in Österreich. Immerhin hat die Stadt Linz über 500 MEUR bei einem CHF-Swap verloren; die Stadt Wien sagt erst einmal gar nicht, welche Schulden (und CHF-Swapverluste!) sie hat. Allerdings war ihr Anteil an der Bank Austria einmal rund 1,7 Mrd.EUR wert und ist jetzt als Unicredit-Anteil rund 1/10 davon wert. Die Anzahl der Gemeinden, die sich mit CHF-Swaps verspekuliert haben, wird immer größer.

      Alles kein Problem; in Wirklichkeit nur Peanuts. Schließlich kann man es sich leisten, bei insgesamt 3 second-tier Banken, die kein Mensch vermissen würde, wenn es sie nicht gäbe, Verluste einzufahren, die am Ende des Tages 20 Mrd.EUR erreichen (und möglicherweise sogar noch übersteigen) werden. Das Jahresbudget des Landes ist übrigens rund 75 Mrd.EUR...

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    2. Danke für die Erläuterungen!
      "Kameralistik" klingt wie "Rabulistik" ;) und ich muss zu meiner Schande gestehen dass ich erst dank Wiki klüger wurde...

      Immerhin: Gemäss Wiki wird dies in der Schweiz nicht mehr so gemacht, wenn auch trotzdem öfters zu undurchsichtig!

      H. Trickler

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