Mittwoch, 6. Juni 2018

Armin Wolf Interviewte Vladimir Putin

Am 4. Juni sendete ORF2 ein Interview, das Starreporter Armin Wolf mit dem russischen Staatspräsidenten Vladimir Putin geführt hatte. Das Interview dauerte fast 1 Stunde, also wesentlich länger als die dafür vorhergesehenen 30 Minuten.

Wolf begann mit der Frage, ob Putin Österreich für seine erste Auslandsreise in seiner neuen Amtszeit wegen der russlandfreundlichen Politik Österreichs gewählt habe. Putin gab sich in seiner Antwort als höflicher Staatsmann und korrekter Diplomat: natürlich nicht, weil "ein so geachtetes europäisches Land wie Österreich keine Belohnung von irgendeiner Seite braucht", obwohl natürlich Österreich ein "traditionell zuverlässiger Partner von Russland in der EU" sei.

Wolf wollte anschließend wissen, warum sich die Partei Geeintes Russland, deren Vorsitzender Putin jahrelang war, 2016 ausgerechnet die FPÖ für ein Partnerschaftsabkommen ausgesucht hatte. Hier bewies Putin gleich zum ersten Mal sein großes Talent für Ablenkungsmanöver. Als Präsident stehe er über den Parteien und er hätte mit dieser Entscheidung nichts zu tun. Ganz abgesehen davon, dass das Geeinte Russland sicherlich mit anderen Parteien auch gerne zusammenarbeiten würde.

Jetzt spürte man zum ersten Mal, dass Wolf nicht geneigt war, Putin's Ablenkungstalent obsiegen zu lassen. Mit einer sehr geschickten Fragestellung unterstellte er Putin, dass Russland möglicherweise die Absicht hat, die EU zu spalten. Das konnte Putin sich nicht gefallen lassen. Mit dem Brusttun der Überzeugung und Aufrichtigkeit sagte er: "Wir verfolgen nicht das Ziel, etwas oder jemanden in der EU zu spalten. Wir sind vielmehr daran interessiert, dass die EU geeint ist und floriert, weil die EU unser wichtigster Handels- und Wirtschaftspartner ist. Und je mehr Probleme es innerhalb der EU gibt, desto größer sind die Risiken und Unsicherheiten für uns. Wir müssen im Gegenteil die Kooperation mit der EU ausbauen." Also ganz klar: die EU spaltet sich selbst und Russland versucht hier friedensstiftend einzuwirken.

Das konnte Wolf so nicht stehen lassen und er schlug die Brücke zum amerikanischen Präsidentenwahlkampf, bei dem Russland massive Interventionen vorgeworfen wurden. Wolf bewies, dass er bestens recherchiert hatte. Es sei unbestritten, sagte Wolf, dass in St. Petersburg eine "Troll-Fabrik" seit Jahren via Internet die öffentliche Debatte mit Fake Postings, etc. beeinflußt. Eigentümer dieser Firma sei ein guter persönlicher Freund Putins, der auch "Putins Koch" genannt wird. Findet der russische Präsident das gut?

Spätesten jetzt merkte Putin, dass das Interview mit Wolf nicht der höflichen Vorbereitung seines Österreich-Besuchs dienen und dass es auch kein Spaziergang werden würde. Was macht ein ex-KGB Agent in solchen Umständen? Er schaltet auf einen anderen Gang um, ohne dabei das freundliche Schmunzeln aufzugeben. Zunächst parierte er Wolfs Angriff mit einer Gegenfrage: bezog sich Wolf auf den russischen Staat oder auf eine Privatperson? Wolf beantwortete diese Frage klipp und klar: "Ich meinte Herrn Prigoschin." Darauf war Putin hervorragend vorbereitet und er behandelte diese Frage wie einen aufgelegten Elfmeter: "Sie haben gesagt, dass man Herrn Prigoschin 'Putins Koch' nennt. Er ist wirklich im Gastgewerbe tätig; damit verdient er sein Geld; er besitzt Restaurants in St. Petersburg. Aber jetzt will ich Sie etwas fragen: Denken Sie im Ernst, dass ein Restaurantbetreiber, auch wenn er Möglichkeiten zum Hacken hat und eine Firma in diesem Bereich besitzt – ich weiß ja gar nicht, was er dort genau tut –, also dass dieser Mann wirklich Wahlen in den USA oder in irgendeinem europäischen Staat beeinflussen kann? Wie tief wären dann die Medien und die Politik im Westen gesunken, wenn ein Restaurantbesitzer aus Russland Wahlen in Europa oder den USA beeinflussen kann. Ist das nicht lächerlich?" 1:0 für Putin.

Jetzt machte Wolf den Fehler, das Gegentor anzufechten, statt es einfach zu akzeptieren und zu einem mehr versprechenden Thema vorzudringen. "Er gibt in dieser 'Troll-Fabrik' jedes (sic) Monat Millionen Dollar aus, um diese Millionen Fake-Postings zu produzieren. Warum sollte das ein Restaurantbetreiber machen?" 9 von 10 Zusehern mußten geahnt haben, was jetzt kommen würde (Wolf offenbar nicht): "Fragen Sie ihn doch selbst!" 2:0 für Putin.

Themenwechsel auf Donald Trump, und Wolf wiederholte seinen Fehler von vorhin, d. h. sein Gegenüber über das Verhalten eines Dritten zu befragen: Warum dauert es so lange, mit Herrn Trump ein Zusammentreffen zu vereinbaren. "Das müssen Sie unsere Kollegen in den USA fragen!" 3:0 für Putin.

Wolf ahnte, dass er etwas zu weit gegangen war und kehrte auf eine seriöse Fragestellung zurück: "Halten Sie einen Krieg, gar einen atomaren Krieg zwischen den USA und Nordkorea für möglich?" Putin hielt sich an das Motto, dass seriöse Fragen auch seriöse Antworten verdienen und er gab eine seriöse und verantwortungsvolle Antwort ("Ich hoffe sehr, dass sich die Sache in eine positive Richtung entwickelt!").

Aber plötzlich schien Wolf von allen guten Geistern verlassen zu sein: er brachte das Thema MH17 zur Sprache und zeigte, dass er dieses Thema hervorragend recherchiert hatte. Richtig ist, dass die Beweislage derzeit mit 99%-iger Sicherheit Russland in der Verantwortung sieht. Richtig ist aber auch, dass Putin selbst bei einer 150%-igen Beweislage jedwede Verantwortung dementieren würde. Die Frage war also nur, wie geschickt er dementieren würde. Und es sollte nicht überraschen, dass er dies sehr geschickt machte. Und dann ging Wolf sein journalistischer Ehrgeiz durch: "Ist es nicht in Wahrheit so, dass Sie einfach nicht zugeben können, dass diese Rakete aus Russland gekommen ist, weil Sie damit auch offiziell zugeben würden, dass Russland die Rebellen in der Ostukraine mit Waffen unterstützt – und das bestreiten Sie ja seit Jahren?" Anders ausgedrückt: ist die Wahrheit nicht, dass Sie lügen?

Ein ehrlicher und einsichtiger Vladimir Putin hätte darauf - mit dem Ausdruck des aufrichtigen Bedauerns in seinem Gesicht - mit nur einem Wort antworten müssen: Ja! Niemand, auch nicht Armin Wolf, konnte erwarten, dass Putin diese Frage ehrlich und einsichtig beantworten würde. Anders ausgedrückt: die Absicht dieser Frage konnte nicht sein, eine ehrliche und einsichtige Antwort zu bekommen, sondern nur, Putin in die Enge zu treiben. Ob es journalistisch klug ist, den Staatspräsidenten von Russland, einen ex-KGB Agenten, in die Enge zu treiben, mag bezweifelt werden.

Zunächst einmal spielte der ex-KGB ein kleines Volley: "Wenn Sie die Geduld aufbringen, mir bis zum Ende zuzuhören, dann werden Sie meinen Standpunkt erfahren. Gut?" Viele Zuschauer werden an diesem Punkt gemeint haben, dass das gut ist. 4:0 für Putin. Wolf's Reaktion: "Bitte!" Daraufhin Putin auf Deutsch: "Danke schön!" Freunde würden diese beiden nicht mehr werden.

Putin verteilte daraufhin seine üblichen Nebelgranaten. Obwohl Wolf ihn gar nicht unterbrochen hatte, sagte er: "Noch eine Sekunde, nicht so schnell, lassen Sie mich das zu Ende erklären. Sonst ist das kein Interview, sondern ein Monolog einer Seite, Ihrer Seite. Darf ich den Satz zu Ende bringen? (Auf Deutsch:) Seien Sie bitte so nett!" 5:0 für Putin.

Wieder verpasste Wolf die Gelegenheit, sich von einem vermurksten Thema zurückzuziehen. Stattdessen weitete er seinen Vorwurf der russischen Lügen aus und brachte die Krim-Annexion und den ukrainischen Regierungswechsel ins Spiel. Darauf hatte Putin wohl gewartet. Der ukrainische Regierungswechsel, so Putin, "war ein verfassungswidriger, bewaffneter Staatsstreich und Machtergreifung. Ja oder Nein?" Wolf's reaktionsstarke, aber dennoch lahme Antwort: "Ich bin kein ukrainischer Verfassungsexperte." Darauf der größte Ausweicher aller Zeiten: "Ah, Sie wollen ausweichen..." Und schon wieder ein Punkt für Putin.

Wolf konnte das Thema Ukraine einfach nicht lassen: "Was müsste passieren, damit Russland die Krim an die Ukraine zurückgibt?" Putin: "Diese Bedingungen gibt es nicht und es kann sie auch nicht geben." Sonst noch Fragen?

Putin hatte seinen erfolgreichen Trick beim ersten Mal so genossen, dass er ihn gleich noch einmal wiederholte. Ohne, dass Wolf ihn unterbrochen hatte, sagte er (auf Deutsch): "Seien Sie bitte so nett, lassen Sie mich etwas sagen." Was für ein höflicher Staatsspräsident! Und Wolf darauf: "Herr Präsident, ich unterbreche Sie so ungern, aber..." Was für ein unhöflicher Journalist!

Trotz alledem konnte Wolf das Thema Ukraine einfach nicht lassen. Putin daraufhin kaltschnäuzig: "Wissen Sie, wenn Ihnen meine Antworten nicht gefallen, dann stellen Sie doch keine Fragen." Und dann gleich noch einmal den Trick, der schon zwei Mal so gut funktioniert hatte: "Aber wenn Sie meine Meinung zu den Fragen hören wollen, die ich aufwerfe, dann müssen Sie Geduld haben und mich ausreden lassen."

Dann ging es zu Syrien. Wolf fragte Putin, warum er ein Regime unterstützt, das Chemiewaffen einsetzt und Putin sagte, dass das nicht stimmt. Soviel dazu.

Im weiteren Verlauf stellte Wolf noch fragen wie z. B. "Suchen Sie in Wahrheit diese ständigen außenpolitischen Konfrontationen, um von der schlechten wirtschaftlichen Lage in Russland abzulenken?" Oder: "Ihre Kritiker in Russland sagen, Sie haben aus einem Land, das auf dem Weg zu einer Demokratie war, ein autoritäres System gemacht – wieder ein autoritäres System gemacht. Sie würden wie ein Zar regieren. Ist das ganz falsch?" Putins Antworten waren erwartungsgemäß, aber seine Stimmung wurde durch diese Fragen sicherlich nicht verbessert.

Mutigerweise sprach Wolf dann den oppositionellen Blogger Alexej Nawalny, dem ein fragwürdiges Gerichtsurteil die Kandidatur bei der letzten Präsidentenwahl untersagte. Putin schien auf präsidentiales Verhalten keinen Wert mehr zu legen und sagte: "Wenn die eine oder andere politische Kraft nur einige wenige Prozentpunkte erreichen oder gar einige hundertstel Prozentpunkte, was soll das dann überhaupt? Was sollen wir mit solchen Clowns?"

Zum Abschluss des Interviews stellte Wolf eine Frage, die bei der Vorbereitung möglicherweise recht humorvoll erschien, die aber nach dem unerwartet harten Schlagabtausch recht deplatziert wirkte: "Es gibt von Ihnen sehr viele Fotos mit nacktem Oberkörper... Was sollen diese Bilder Russland und der Welt zeigen?" "Darin sehe ich überhaupt nichts Schlechtes", meinte Putin, ohne die Frage zu beantworten.

"Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit", fiel Putin noch ein, nachdem Wolf ihn gefragt hatte, ob der den österreichischen Zuschauern noch etwas auf Deutsch sagen wollte. Vielleicht hätte Putin mehr gesagt, wenn ihm das Interview zugesagt hätte.

Wenn man die Rolle eines Journalisten darin sieht, mit ausgezeichneter Vorbereitung und mit extrem geschickter Fragestellung den Gesprächspartner in die Enge zu treiben (obwohl man mit keinen klärenden Antworten rechnen kann), dann war dies ein brilliantes Interview. Wenn man Sinn und Zweck eines Interviews darin sieht, etwas Neues vom Gesprächspartner zu erfahren (vor allem auch etwas, was einen Bezug zu Österreich und zum bevorstehenden Staatsbesuch hat), dann hatte dieses Interview nur wenig anzubieten. 

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